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Bemerkenswerte Abnehmerfolge – soll man das nachmachen?

Es gibt sie, die Leute, die 100 Kilo oder sogar mehr abgenommen haben, die ihr Gewicht halbiert haben, oder die jetzt Marathon laufen, nachdem sie früher nicht ohne Atemnot bis zum Kühlschrank gehen konnten. Und natürlich sind solche Erfolge bemerkenswert, sie zeigen, dass es möglich ist, geradezu unvorstellbar viel abzunehmen.

Allerdings sind solche Erfolge auch selten. Sie kommen seltener vor als es einem erscheint. Zum einen gibt es nur wenige Menschen, die überhaupt genügend Übergewicht haben, um so viel abnehmen zu können, zum anderen ist es die Realität, dass es die meisten eben nicht schaffen. Denn auch wenn einem an jeder Ecke das Gegenteil erzählt wird, so ist die Realität doch, dass Abnehmen richtig schwer ist. Jedes einzelne Kilo ist eine Riesenanstrengung und eine Riesenleistung. Und während jemand, der ohnehin schon schlank ist, für eine Abnahme von 5 Kilo ausführlich beklatscht wird, muss ein stark Übergewichtiger viel mehr tun, bevor seine Bemühungen überhaupt bemerkt werden.

Wenn es dann allerdings so einen großen, bemerkenswerten Erfolg gibt, dann ist auch das Interesse groß. An vielen Stellen wird berichtet, in allen Foren wird diskutiert, die Klatsch-Presse möchte ihren Anteil am Erfolg. Vor allem die Extreme, möglichst viel, möglichst schnell, wecken das Interesse. Dadurch kann leicht der falsche Eindruck entstehen, dass die Erfolge allgegenwärtig wären. Wer betroffen ist, hat kaum Möglichkeiten, das zu verhindern. Denn genauso, wie sich starkes Übergewicht nicht verstecken lässt, ist eben auch eine starke Abnahme unübersehbar.

Für Betroffene ist es da vermutlich eine gute Idee, zumindest ist es sehr nachvollziehbar, wenn sie in die Offensive gehen und die eigene Version ihrer Geschichte erzählen. Denn der Erfolg erntet nicht nur Bewunderung. Oft im Gegenteil. Viele fühlen sich berufen, die Geschichte weiterzuerzählen, und nach ein paar Durchgängen ist sie so verändert, dass der Betroffene selbst sie nicht mehr wiedererkennt. Es gibt Häme und Missgunst, es ist nie richtig, die ständige Kritik kann fertig machen.

Wer viel abgenommen hat, macht also schnell die Erfahrung, dass es schon wieder falsch war. Wer dick ist, wird kritisiert und verachtet, muss sich Vorträge anhören, wie ungesund das alles ist und dass er schnellstens abnehmen muss. Wer das dann tut, wird schon wieder kritisiert. Entweder hat er oder sie nicht genug abgenommen, oder aber zu viel, zu schnell, oder zu langsam, mit der falschen Diät oder Abnehmmethode sowieso, oder wenn sich hier nichts zu Kritisierendes finden lässt, dann wird über die Nebenwirkungen wie hängende Haut spekuliert. Und überhaupt, wie konnte er/sie es nur soweit kommen lassen, dass diese Aktion notwendig wurde? Fremde Menschen interessieren sich für Vorher- und Nachher-Bilder, möglichst wenig bekleidet natürlich. Spekulationen darüber, wie lange der Erfolg wohl halten wird, schließen sich an. Wer eigentlich Respekt verdient hätte, erntet Voyeurismus. Manch frisch erschlankter Mensch wünscht sich da, dass sein bemerkenswerter Erfolg nicht bemerkt werden würde.

Wer das Abnehmen noch vor sich hat, kann aus diesen Erfahrungen vor allem eins lernen. Die lieben Mitmenschen werden immer was zu meckern haben, man kann es ihnen nicht recht machen. Also sollte man sehen, wie man es sich selbst recht macht, nicht den anderen.

Das bedeutet als erstes, dass man die Erfolgsgeschichten natürlich lesen oder ansehen darf, aber als Vorbild sollte man sie nicht nehmen. Schon gar nicht als Aufforderung, jetzt endlich den Hintern hochzukriegen und es genauso zu machen. Denn der Eindruck, dass es alle anderen schon geschafft haben, nur man selber hängt da noch hinterher, der Eindruck ist definitiv falsch. Und selbst wenn er richtig wäre, wäre das kein Grund, alles genauso zu machen wie die anderen.

Was soll man also tun? Vor allem, nicht mitmachen bei der Häme. Andere Menschen zu achten ist wichtig für die Selbstachtung. Wer das eine nicht tut, dem fehlt oft auch das andere. Wer schlank ist, ist kein besserer Mensch. Wer dick ist, auch nicht. Etwas weniger dick zu sein als der andere gibt kein Recht, diesen anderen zu kritisieren. Überhaupt hat jeder Mensch das Recht, so dick oder dünn zu sein, wie er möchte oder kann. Jeder andere Mensch hat dieses Recht und man selbst hat dieses Recht auch.

Herauszufinden, was man selbst tatsächlich möchte, das sollte dem Abnehmen vorausgehen. Denn nur weil diese Gesellschaft dieses Schönheits- und Schlankheitsideal hat, heißt das nicht, dass man verpflichtet ist, ihm zu entsprechen. Auf der anderen Seite ist man auch nicht verpflichtet, dick zu bleiben, nur weil es eine Bewegung gibt, die das schön und anstrebenswert findet.

Auch der verbreiteten Sichtweise, die durch die extremen Erfolge natürlich gefördert wird, dass die Frage nach dem Abnehmen nur mit Ja oder Nein beantwortet werden kann, braucht man sich keineswegs anzuschließen. Man kann auch (erstmal oder überhaupt) ein bisschen abnehmen. Es ist egal, ob das irgend jemand bemerkt, man selbst wird es bemerken, darauf kommt es an. Viel wichtiger als neue Rekorde ist also, sich für jedes einzelne Kilo zu fragen, ob es einem wichtig genug ist, dass man die Mühe, die es kostet, es loszuwerden, auf sich nehmen möchte.

Wer Abnehmversuche startet, nicht um abzunehmen, sondern um dem Druck durch Arzt oder Schönheitsideal auszuweichen, der wird fast immer scheitern. Man sollte ehrlich sein, zumindest mit sich selbst. Geht es ums Abnehmen, oder geht es darum, sagen zu können, dass man es versucht hätte? Wirklich abnehmen wird man nur dann, wenn man sich wirklich, ehrlich darum bemüht. Wenn man mit Überzeugung bei der Sache ist. Wenn man sich ganz sicher ist, dass es genau das ist, was man jetzt tun möchte. Man sollte also nur dann damit anfangen, wenn man wirklich davon überzeugt ist. Davon überzeugt ist, dass man das wirklich will. Und davon überzeugt ist, dass man das schaffen kann und will. Die Frage, ob das zutrifft, kann man für jedes Kilo neu stellen und beantworten.

Dabei ist es durchaus sinnvoll, sich überschaubare Ziele zu setzen. Egal, wie viele Kilos zuviel sind, das Abnehmen fängt immer mit dem ersten Kilo an. Wer sich also erstmal vornimmt, ein Kilo weniger zu wiegen, der hat sich eine sinnvolle, in überschaubarer Zeit schaffbare Aufgabe gestellt. Mit starkem Übergewicht schafft man das in einer Woche, sonst dauert es vielleicht zwei Wochen, bis das erste Kilo dauerhaft weg ist. Es macht auch nichts, wenn es etwas länger dauert, am Anfang kommt es ja auch mehr darauf an, erstmal herauszufinden, auf welche Weise man abnehmen möchte. Dagegen ist es nicht sinnvoll, sich an Abnehmrekorden zu orientieren, und es macht überhaupt nichts, dass die Veränderung durch ein Kilo weniger vermutlich niemand bemerken wird.

Man selbst wird es bemerken, wobei der wichtigste Teil der Veränderung nicht auf der Waage, sondern im Kopf stattfindet. Wer sich ganz ernsthaft auf den Weg begibt, ein Kilo so abzunehmen, dass es hinterher nicht zurückkommt, der wird in diesen ein oder zwei Wochen sehr viel lernen. Über Essen, Ernährung, Bewegung, aber auch über sich selbst, seine eigenen Gewohnheiten und Lebensumstände, und natürlich auch über die ganzen kleinen Tricks, mit denen man sich selbst etwas vormacht. Diese Selbsterkenntnis ist es, die die Sache so schwer macht, dass es unter Umständen wirklich an die Substanz gehen kann. Es kann sehr sinnvoll sein, sich hier helfen zu lassen. Denn wer diesen Aspekt ausblendet, wird sich immer wieder selbst überlisten, wird immer wieder völlig rätselhafter Weise beim Abnehmen scheitern, wird vermutlich weiter zunehmen.

Dabei ist es ganz egal, auf welchen Namen die Abnehmmethode hört. Es kann die sein, mit der jemand anders abgenommen hat, aber es kann auch etwas völlig anderes sein. Vorsichtig sollte man nur mit Methoden sein, mit denen man angeblich besonders schnell abnehmen kann. Das ist selten dauerhaft. Ansonsten gilt hier, einfach mal anfangen, es wird sich sowieso weiterentwickeln und verändern. Denn wer begriffen hat, was in der Vergangenheit falsch gelaufen ist, der entwickelt fast zwangsläufig das Bedürfnis, es ab jetzt anders zu machen. Auf die Weise wird sich nach und nach die ganz persönliche, eigene Abnehmmethode entwickeln. Und schon ist man mittendrin, schon verändern sich Ernährungsweise und Lebensgewohnheiten, schon verschwindet hier und da noch ein Kilo und noch eins.

Dabei ist das erste Kilo das schwerste. Auch wenn es scheinbar einfach ist, die Waage dazu zu bringen, ein Kilo weniger anzuzeigen, so ist der Abbau von einem Kilo Körperfett, nicht Körpergewicht, bereits ungleich schwieriger. Und es soll ja auch noch dauerhaft sein, sonst macht es ja keinen Sinn. Dabei wird diese Leistung von niemandem bemerkt werden, dem man es nicht selbst erzählt.

An dem Punkt kann man dann auch merken, ob man es wirklich für sich selbst tut. Denn wenn das so ist, dann ist es einem auch wirklich egal, ob und was irgend jemand bemerkt. Wer so weit noch nicht ist, kann sich klarmachen, dass es normal ist, dass man am Anfang eben noch nicht alle Ziele erreicht hat, dass da eine Aufgabe ist, an der man noch arbeiten sollte.

Wer also dieses erste Kilo wirklich ernst nimmt, hier nicht den Weg des geringsten Widerstands sucht, sondern sich auf die Schwierigkeit einlässt, der wird bald belohnt werden. Denn das nächste Kilo loszuwerden, wird schon ungleich einfacher sein. Im Laufe der Zeit wird sich aus dem Abnehmen ein Selbstläufer entwickeln. Und das ist vielleicht der Punkt, an dem man dann doch wieder auf die gucken kann, die einen der ganz großen Abnehmerfolge geschafft haben. Diesen Abnehm-Selbstläufer müssen sie alle irgendwie entwickelt haben, sonst wäre es ihnen wohl nicht möglich gewesen, ein Kilo nach dem nächsten abzunehmen.

Wenn die Aufgabe dann mit jedem zusätzlichen Kilo einfacher wird, dann kommt irgendwann auch jemand auf einen zu, der es bemerkt hat. Wenn die Reaktion positiv ist, kann man sich freuen. Auch dann, wenn man längst da ist, dass man nicht für dieses Lob abnimmt, sondern für dieses unvergleichliche Gefühl, sich selbst, aus eigener Kraft, etwas Großes erarbeitet zu haben. Ohne irgend etwas nachgemacht zu haben. Das ist dann wirklich bemerkenswert.

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